Ein Buch mit wenig Tiefgang scheitert an der Realität
2 stars
Ole Nymoen schrieb im Jahr 2024 einen Artikel für die ZEIT. Daraus wurde später das Buch, welches eben darlegen möchte, warum der Autor nicht für sein Land kämpfen möchte.
Die ersten beiden Kapitel handeln vom Sinn und Unsinn des Krieges. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der eigentlichen Frage.
Bereits beim Lesen des ersten Drittels des Buches fällt auf, dass es dem Autor an analytischer Schärfe bzw. einem Abgleich mit der Realität fehlt. Zehn Seiten beschäftigen sich mit der Frage, was Krieg ist. Am Ende ist man so schlau wie zuvor. Kontrastiert man dies mit dem Buch "Die Rückkehr des Krieges" von Gady (bookwyrm.de/book/146975/s/die-r%C3%BCckkehr-des-krieges) fällt die analytische Schwäche umso mehr auf. Gady geht umfassend auf Kriegsgründe, den Charakter des Krieges und vieles mehr ein. Das fehlt bei Nymoen komplett.
Der Autor nimmt an, mit der Aufgabe des Territorium sei alles erledigt. Schließlich bedeutet das weniger …
Ole Nymoen schrieb im Jahr 2024 einen Artikel für die ZEIT. Daraus wurde später das Buch, welches eben darlegen möchte, warum der Autor nicht für sein Land kämpfen möchte.
Die ersten beiden Kapitel handeln vom Sinn und Unsinn des Krieges. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der eigentlichen Frage.
Bereits beim Lesen des ersten Drittels des Buches fällt auf, dass es dem Autor an analytischer Schärfe bzw. einem Abgleich mit der Realität fehlt. Zehn Seiten beschäftigen sich mit der Frage, was Krieg ist. Am Ende ist man so schlau wie zuvor. Kontrastiert man dies mit dem Buch "Die Rückkehr des Krieges" von Gady (bookwyrm.de/book/146975/s/die-r%C3%BCckkehr-des-krieges) fällt die analytische Schwäche umso mehr auf. Gady geht umfassend auf Kriegsgründe, den Charakter des Krieges und vieles mehr ein. Das fehlt bei Nymoen komplett.
Der Autor nimmt an, mit der Aufgabe des Territorium sei alles erledigt. Schließlich bedeutet das weniger Leid. Auch hier zeigt ein Blick in die Ukraine, wie sehr das Volk unter der Besatzung terrorisiert wird, wie Menschen einfach getötet werden oder wie versucht wird, die ukrainische Seele auszulöschen. Es mag sein, dass es in dem Falle keinen "heißen" Krieg mehr gibt. Aber die Menschen leben nicht in Frieden. Unter Umständen eignet sich das besetzte Land auch als Austragungsort für andere Kriege.
Und genau deshalb tragen auch Nymoens Annahmen über das Verhältnis von Herrschenden und Volk nicht. Er unterstellt, die Mächtigen wollten den Krieg — egal ob Angriff oder Verteidigung — und das Volk habe mitzumachen. In der Ukraine steht das Volk laut Umfragen hinter dem Ziel, den Aggressor zu vertreiben, in manchen Phasen stärker als die eigene Führung. Diese Menschen kennen schon jetzt den Preis des Krieges. Dass sich zugleich viele der Mobilisierung entziehen, spricht nicht dagegen: Es zeigt, wie schwer die Entscheidung ist, nicht dass Nymoen recht hätte.
Insgesamt ist die Argumentation viel zu kurz gedacht und scheitert an der Realität. Aber auch wenn man andere Konflikte anlegt, ist zu sehen, dass seine Ideen nicht tragen.
Es ist gut, wenn jemand Gedanken formuliert, die nicht zum Mainstream passen und so Denkanstöße liefert. Nur halten seine empirischen Prämissen der Realität nicht stand, und ohne sie bleibt von der Streitschrift die persönliche Entscheidung eines Einzelnen übrig. Die kann man ihm nicht widerlegen. Sie beantwortet aber auch nicht die Frage, um die es in der Debatte geht. Zu hoffen wäre, dass Nymoen in einer späteren Auflage die theoretische Arbeit nachholt, die das Buch schuldig bleibt.